FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
264
6. Dezember 1866

Lieber Freund!

Hiemit übersende ich im Entwurf die früher versprochene Ar­beit. Ich bitte Dich, dieselbe sorgfältig zu prüfen und dann mit dem Manuskript, von dem ich noch keine Abschrift habe, auch Deine Meinung über Form und Inhalt zu übersenden. Am schwächsten ist vielleicht der dritte Teil, auch wirst Du wunderliche Ansichten finden, wie z. B. die von mir aufge­stellte über unser Vermögen (Bogen 8). Prüfe und erwäge! Zu meiner Entschuldigung hätte ich viel vorzubringen, doch hier handelt es sich nicht um mich, sondern um das Werk, das wir unsern gewonnenen und noch zu gewinnenden Par­teigenossen vorzulegen haben. Die Konservativen wären nach meiner Ansicht nicht besser daran, wenn ihr Aussprechen bewiese, daß sie wirklich wüßten, was sie tun, denn nur in der Voraussetzung, daß sie es nicht wissen, wurde ihnen verziehen. Die Zuschrift im Sozialdemokrat glaubte ich aus mehreren Gründen nicht von dem Beamten, ich meinte auch, er werde ohne sein Zutun die Wirkung abwarten, auch hattest Du mir nichts davon geschrieben, und wie mein letzter Brief beweist, nichts davon, daß Du den Sozialdemokrat jetzt hast. Ich dachte, daß auch unter den Setzern bei Himmer in Augs­burg ein Lassalleaner sein könne, daher ich denn bei Stettner verdeckt anzufragen beschloß, von wo aus die Schrift nach Norddeutschland versendet worden sei. Es wäre wohl gut, wenn wir uns sagten, welche Blätter wir lesen, unsere Kor­respondenz würde dadurch erleichtert. - Jochum schreibt, die Schrift habe er erhalten und sie werde fleißig gelesen. Anhänger aber würden wir in Wien unter den Vorarlbergern, außer ihm selbst, nur wenige finden. Nun, den Jochum laß nur mir, er könnte unserer Zeitung noch nützen. Besonders hab ich es immer geschätzt, daß er ein ungemein klarer, nüchterner Kopf ist, was bei einem Zeitungskorrespondenten etwas wert wäre. Der in meiner Schrift kritisierte Aufsatz über Arbeiterfragen findet sich im Abendblatt der Neuen freien Presse vom 21. November. Der im Sozialdemokrat besprochene soziale Roman ,ln Reih und Glied' wurde zuerst in der Roman-Zeitung abgedruckt, und ich werde jetzt mit Lesen fertig. Es ist ein riesenhaftes Stück Arbeit, aber teil­weise so interessant, daß es auch mich beinahe zu einer Be­sprechung verleitet hätte. Ich begreife, daß sogar in Leih­bibliotheken, wie die Zeitungen melden, 40-50 Exemplare ä 6 Taler bestellt wurden. - Spielhagen zeichnet Volk und Adel in seiner Kraft, dämonisch, und der Bürgerstand fließt wie ein schönes Bächlein zwischen diesen Felsen, von deren Abfällen es zuweilen, doch Gottlob! nur vorübergehend, getrübt wird. Darum durfte auch der Lassalle dieses Romans kein Bürgerkind sein. Doch genug hievon. Soeben ist Natter, der erste Franzos, angekommen, und ich freue mich darauf, mit ihm zu plaudern, dem Uhrenmacher hab ich die gewünschte Summe aufgetrieben und bereits übersendet.

Ich bin begierig, Dein Urteil über diese meine Probeschrift bald zu vernehmen. Der Gedanke an und für sich ist, glaub ich, ganz klar heraus gelegt. Ich wählte diese Form als die volkstümlichste, doch hat sie mir, wie Du sehen wirst, etwas weniger gepaßt, als ich meinte. Dein letzter Brief hat mich gefreut und auf Deine neuen Leistungen begierig gemacht, jetzt müssen wir uns allerdings rühren.

Die Bessern bei uns wären mit dem Inhalt der Broschüre gern einverstanden, wenn nur das Volk des ihm geschenkten Vertrauens würdig wäre, aber das Volk gleicht einem unge­waschenen, trotzigen Kinde und sein Freund dem, der es waschen will.

Meine Antwort findest Du in Beiliegendem. Jetzt ist Natter da! Lebe wohl! Mit Gruß und Handschlag

Dein Freund Felder