FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
546
2. Juli 1868

Lieber Freund!

Die Reise wäre nun wieder glücklich überstanden. Sie war mir in mancher Beziehung sehr interessant, und ich würde mit genauem Berichte den Brief schon schwer genug machen können. Das Wetter war erwünscht kühl, und ich kam am Sonntag abends wohlbehalten bei meinen Freunden im Bahn­hof an. Die alten Bekannten hab ich wieder gefunden und auch neue, die mir mit Wärme entgegenkommen. Ich fühle mich hier viel heimischer als im letzten Jahr und lebe ganz behaglich, nur bedauernd, daß das schlechte Wetter häufi­geres Ausgehen hindert. Hildebranden finde ich sehr leidend. Ich glaube, ein Leben, wie wir es in Hopfreben hatten, würde ihm sehr wohl tun, aber er sorgt mehr fast für andere als für sich. Hoffen wir, daß es besser wird.

Von ,Reich und Arm' hab ich gestern den ersten gedruckten Bogen gelesen. Es nimmt sich nicht übel aus. Hirzel ist in einem Bade, ich habe daher nur seinen Geschäftsführer spre­chen können. Bedeutende Erhöhung des zugesagten Honorars scheint schwer durchgesetzt werden zu können.

4. Juli

Bei meinem Schreiben werde ich stets und auf die ange­nehmste Weise unterbrochen, so daß ich an schriftstellerische Tätigkeit gar nicht denke. Ich streiche mehr herum als im letzten Jahr. Gestern abends hab ich den Lehrer Thurnher von Dornbirn getroffen. Er mit seinem Volksblattblut scheint sich doch nicht recht eingeleipzigert zu haben. Luger fühlt sich schon eher daheim, obwohl der keine Artikel fürs Volksblatt schreibt. Ich sehne mich nach schönem Wetter, welches Spa­ziergänge erlaubt. Das aber ist auch alles, was mir augenblick­lich fehlt. Mitunter besuche ich die Universität. Gestern hörte ich Wutke über 1848, heute Minkwitz über Literatur, morgen vielleicht eine protestantische Predigt. Aber was brachtest Du noch zusammen? Wie steht's mit dem Kasino, was macht das Dökterle und wie kämet ihr nach Bludenz? Über das alles möcht ich hören. Hier ist so viel die Rede von meiner Heimat, daß mir alles gegenwärtig bleibt.

5.Juli

Gestern abends hättest Du dabei sein sollen! Es war der erste Spaziergang des Klub. Hildebrands Vortrag aus Platten [soll wohl heißen: Platen] rührte mich und zauberte mich in eine herrliche Welt. Dieser Abend dürfte meinem nächsten Werke zugute kommen. Der Heimzug mit Gesang ersetzte mir die Prozession, die heute in Schoppernau gehalten wird. Am nächsten Sonntag ist Vogelweide ausgeschrieben. Ich freue mich recht auf die Reise ins Thüringer Land. Vom Schützenfest weiß man hier nicht viel, von unserm Sängerfest natürlich nichts. Sei doch so gut, mir das Volksblatt vom 1. Juli ab und für den ganzen Monat zu besorgen, da Du doch mit Vonbank bekannt bist. Ich vergaß es in Bregenz, und hier hab ich keine Banknoten. Schreibe bald.

Mit Gruß und Handschlag                       

                       Dem Franz M. Felder.