FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
253
20. November 1866

Lieber Freund!

Endlich mit Kind und Rind wohlbehalten von Hopfreben zurückgekommen, setze ich mich ins wieder erwärmte Stüble, um, von den trockenen Vorbereitungsarbeiten für den Katharinentag ausruhend, ein Viertelstündchen mit Dir zu verplaudern. Du wirst nun zuerst von meiner Reise nach Lindau hören wollen, da ich in Bregenz nicht mehr viel Zeit zum Schreiben hatte. Am Sonntag, als ich Deinen Brief erhielt, hatte ich noch einer Gemeindebürgerversammlung beizu­wohnen, da über die von mir entworfene, schon acht Tage am Kaufhaus angeschlagene Ordnung einer Schoppernauer Vieh-Versicherungs-Gesellschaft abgestimmt und der Bevoll­mächtigte und der Beirat gewählt werden sollten. Ich werde Dir den beinahe unverändert angenommenen Entwurf oder die geltende Ordnung bald überschicken und bin begierig, wie Du Dich über mich als Gesetzgeber äußern wirst. Ich konnte keine ähnliche Arbeit benützen und darf daher das Ganze mein Eigentum nennen. Ich wollte auch die Geiß­bauern aufnehmen, fiel aber dann mit Glanz durch, was mich nur der armen Leute wegen ärgerte. Dann wurde ich ein­stimmig, zum Verdruß des Vorstehers, als Bevollmächtigter gewählt, und da alle noch nicht versicherten Schoppernauer beigetreten sind, hat mir das Ding in den letzten Tagen viel zu schreiben gegeben.

Abends fünf Uhr war die Beratung zu Ende. Ich packte nun mein Ränzlein und durch Nacht und Wind wanderte ich Bezau zu, wo ich von Feurstein mit aller Freundlichkeit auf­genommen wurde. Feursteins Neigung zu mir ist ursprünglich eine rein gemütliche. Wohl nur seine Freude an Sonderlingen hat ihn mir näher gebracht.

Es war ihm recht, daß ich die Sache etwas treiben wollte. Er bewunderte meinen Eifer und nebenbei konnte ich be­merken, daß er viel über unsere Unterredung nachgedacht hatte. Du scheinst ihm etwas fremd geblieben zu sein, was er aber Deiner Unpäßlichkeit zuschrieb. Im Postwagen machte ich die Bekanntschaft einiger Händler, die mein Urteil über derlei Leute nur bestätigte, am besten hat mir ein Bildhauer gefallen. Das Dampfschiff war gesteckt voll, denn der Jahr­markt in Lindau lockte viele von Bregenz, und auch ich wurde von meinen Bekannten für einen Märktler gehalten. Stettner stand in Mantel und Kragen. Der Mensch gehört zu den Ge­schworenen, hatte sich aber während der Markttage krank melden lassen und verschluckte Medikamente, daß es zum Erbarmen war, sonst aber zeigte er einen gottgesegneten Appetit. - Er sagte mir, daß es jetzt in Wächters kleiner Druckerei wegen des Jahrmarkts viel zu tun gebe. Er habe daher bis nach diesen großen Tagen warten und sich die Sache noch ansehen wollen. Erst ein von mir nachgeschickter Mahnbrief habe ihn veranlaßt, das Manuskript nach Augs­burg zu senden, von wo er bisher noch keine Antwort erhalten habe. Obwohl ich nun die Sache sogleich durch den Telegraphen in Fluß brachte, so konnte ich Dir doch erst am Mittwoch den guten Fortgang derselben melden. Ist's nicht großmütig, daß ich nicht die schöne Gelegenheit benützte, eine Reise nach Augsburg auf eure Kosten zu machen? Ich nenne es nur- demokratisch. In Bezau zeigte ich Feurstein Deinen Brief. Er bemerkte: Es sei nicht vom Gewinnen die Rede, aber nach dem Bisherigen zu schließen, würden wir noch weiter und sehr weit miteinander kommen. Über die Herausgabe einer Zeitung scheint er viel nachgedacht zu haben. Mir kommt es fast vor, meine Kräfte würden von ihm überschätzt, vielleicht weil er fühlt, daß ich ihm gegenüber festzustehen vermag. Hildebrand schreibt mir, er werde grimmig, daß Hirzel nicht an die Sonderlinge wolle und der Verlag fast fraglich werde. Das wäre allerdings verwünscht, unbegreiflich aber war's nicht. Hildebrand schreibt: „Hirzel ist eigentlich eine aristokratische Natur, der das Bäuerliche an und für sich - fremd ist." - Hast Du das fast zuwider gesehen?!! Ich antwortete beiläufig: Das sei traurig, daß das Bäuerliche fast nur Aristokraten finde. Ich spielte dabei auf Hirzels politische Tätigkeit an, erwähnte dann, daß ich mich beruhige, daß er auch im Bäuerlichen das Menschliche gefunden habe. An meiner Tannbergerreise (um deren Entwurf ich bitte) lobte er mich zu meinem Stau­nen als Landschafter. Sein, nach meiner Ansicht ganz unbe­gründeter, Tadel der Beamtenrolle entstand wohl aus dem Wunsche, mir keine Hoffnungen mehr zu machen, deren Er­füllung doch nicht in seiner Macht steht. Nein, das ginge schon, es möchte gehen, wie es wollte, aber die Sonder­linge hätt ich gern bald ihre Wanderung beginnen sehen. Zagend gehe ich jetzt an die Zusammenstellung des über Vereinswesen gesammelten Materials. Ich bin noch fast zu schwach, aber das Dichten will auch nicht gehen, woran zum Teil andere Schreibereien, zum Teil aber, und vielleicht mehr als ich mir selbst gestehen will, Herr Hirzel in Leipzig schuld sein mag. Wenn's noch lange so fort geht - oder eigentlich nicht geht -, so wird Feurstein mich leichter für seine Zeitung gewinnen. Bisher hielt ich mich nur zum Dichten für be­fähiget. Das Ärgste aber wäre mir doch ein untätiges Leben. Letzten Sonntag erhielt ich einen Brief vom Förster, in dem mir der in Werthertönen Mangel an Vertrauen vorwirft, also scheint auch er mich für den Rufer aus Vorarlberg zu halten und mich zu tadeln, daß ich ihm nichts davon sagte. Auch unser Doktor, der mit den ausgesprochenen Grundsätzen lange einverstanden ist, nimmt mich her, und es wäre um­sonst, ihm meine Teilhaberschaft auszureden.

Recht glücklich hat es mich gemacht, daß ich in Lindau, zum erstenmal im Leben, das Theater besuchen konnte. Ich möchte doch einmal die Herrlichkeiten der Welt sehen und kosten, um mich zu bereichern und urteilen zu lernen über den Wert oder die Nichtigkeit der Dinge, die die einen für unentbehrlich, andere für schädlich und die meisten für gleichgültig halten. Sehen ist doch etwas ganz anderes als Lesen. Was der Anblick so vieler unsicherer Existenzen, wie der Jahrmarkt sie zusammen lockte, auf mich für einen Ein­druck machte, ließe sich eher in einem Roman sagen. Der Uhrenmacher Felder schreibt mir, daß er am 15. Dez. seine Heimreise anzutreten gedenke. Bis dahin hoffe ich, die ge­wünschte Summe zusammen zu bringen. Solltest Du bei der furchtbaren Silbernot etwas auftreiben können, so sei so gut, mir bald zu schreiben, sonst werde ich mich wohl nochmals an Gallus wenden müssen, da ich hier keinen Lärm machen möchte. Schreibe mir dann auch, was unser Ruf für ein Echo macht, da droben und in Feldkirch, von hier hab ich außer dem obigen noch nichts zu berichten. ­Was unsere liberalen Blätter dazu sagen, kann ich mir den­ken. - Die Historisch-politischen Blätter, die keiner unserer Pfarrer mit mir halten wollte, werde ich nun mit anderen Zeitschriften aus dem Märkerschen Leihinstitut in - Leipzig beziehen. Wunderbar, und doch ganz natürlich und jedem erklärlich, der diese traurigen Gestalten kennt. Du erhältst hiemit auch meine werte Lichtzeichnung, die leider etwas düster ausfiel. Ich hoffe dagegen die Deine und Theresens bald in mein Album aufnehmen zu können. Natter wird auf Weihnachten wieder heimkommen, und ich freue mich, mit den beiden Franzosen zu verkehren und zu sehen, was die böse Welt aus ihnen gemacht hat. Mit Deiner Theres, die ich freundlich grüße, würde er nicht gut aus­kommen, denn auch sein letzter Brief macht sich mit ihren Landsleuten zu schaffen. Schicke mir auch den Demokrat. Mit tausend Grüßen Dein alter Freund

Felder