FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
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16. Juni 1866

Lieber Freund!

Dienstag, den 12. d. M., verkündete mittags 12 Uhr das Geschrei eines Kindes die glückliche Ankunft eines jungen Weltbürgers. Ich glaubte ihn für einen Deutschen halten zu dürfen und hab ihn daher Hermann genannt. Der Pfarrer soll etwas ärgerlich bemerkt haben, „Antonius wäre jedenfalls der größere Heilige gewesen". Mutter und Kind befinden sich erwünscht wohl und erstere läßt Dich freundlich grüßen. Die Ablösungsfrage (Hinter-Vorderhopfreben und co. Ün­schen) wäre nun gelöst. Hinterhopfreben zahlt als Entschä­digung 80 FI.Ö.W. Ünschenberg hat regaliert und erhält für jede schneeflüchtige Kuh täglich 15 Krz.ö.W. Die Verhand­lung dauerte bis morgens 1/3 Uhr, ist aber nun zu allgemeiner Zufriedenheit beendet.

Vom Käsehandel weiß ich nichts Neues zu berichten. Die Angelegenheit scheint zu ruhen, seit ich in Hopfreben bin und mir recht herzlich wohl sein lasse. Es wird weniger zu etwas kommen, da jetzt die Milchpreise im Steigen sind. ­Deine Therese soll gern in Warth sein und sich recht wohl befinden, so hat die Motol gesagt, als sie am Mittwoch, den 13., mit dem Vieh auf Krumbach zog.

Am letzten Sonntag hab ich einen Brief aus Leipzig, von unbekannter Hand adressiert, erhalten. Ein Gustav Wagner, Oberlehrer der dortigen Lehranstalt für erwachsene Töchter und Lehrer an der öffentlichen Handelslehranstalt und Mit­glied des Schriftstellervereins, schreibt mir viel Liebes und Gutes. Ihn, der, obwohl seit 20 Jahren Sachse, doch noch Süddeutscher, freut es, daß ich mir in Sachsen so viele Freunde erworben, und er ist bemüht, die Zahl derselben zu mehren. Von Hildebrand schreibt er nichts, auch scheint er von mir nichts zu wissen, sondern nur mein Buch gelesen zu haben. Über dieses schreibt er beiläufig (ich habe den Brief nicht hier) etwa so: Ich muß gestehen, daß ich nichts besseres über die Älpler gelesen als ihr Schwarzokaspale. Ich kenne die biederen Wälderler gut genug, um Ihre Dichtung ge­hörig schätzen zu können. Auffallend ist mir folgende Stelle, wörtlich: Lassen Sie, hochverehrter Grenznachbar, Ihre Feder ja nicht ruhen. Erfreuen Sie uns bald wieder mit einer Schöpfung Ihres hellen Auges wie warmen Herzens! Schreiber hat seine Photographie beigelegt und verspricht, daß er im nächsten Monat in seine alte Heimat (Kempten) reisen und auch mich besuchen werde, vorausgesetzt, daß mein Besuch Ihnen angenehm sei.

Ich habe den Brief beantwortet. Von Hildebrand ist bisher noch nichts gekommen. Im nächsten Briefe werde ich, seinen Wunsch erfüllend, ihm meine Photographie zusenden kön­nen, mit der Fetz in Bezau nun wohl fertig geworden sein wird.

Unsere Geschäftsordnung hab ich Dir nicht zugeschickt, weil Du dergleichen tatest, ob Du sie selbst holen würdest. Der Sozialdemokrat ist mir schon längere Zeit ausgeblieben. Wüßtest Du kein Kaffeehaus etc., wo man eine gute Literatur-­Zeitung oder die Beilage zur Augsburger Allgemeinen Zei­tung beziehen könnte? Ich bitte nachzufragen!! Die Unter­dörfler wären nun wenigstens so gut für meine Käshändler­pläne gewonnen wie andere, d. h. die Sache wäre ganz recht. Eine Unterdörflerin sagte: Alles wäre gut, das erste Jahr aber sollte doch noch niemand beitreten, damit man erst sähe, wie es gehen tat.

Den Schröckern hast Du für ihre Holzverschwendung eine neue Strafe Gottes verkündet und wärest nun bald in den Ruf eines Sehers gekommen. Es brach im Gemeindehaus Feuer aus und es war fast ein Zufall, daß nicht wieder alles abbrannte. Die Stiege ist nun fertig. Auch ich bin für heute zu Ende, die Ziegennocken sind bereits gekocht. Ebenfalls besten Appetit wünschend, baldige Antwort hoffend, ver­bleibe ich Dein Freund und dreifacher Vater

Franz M. Felder