FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
198
5. Juni 1866

Lieber Freund!

Erst zuletzt werde ich mich entschuldigen, daß ich Dir nicht früher schrieb, wenn dann noch Entschuldigung nötig sein sollte. Von der Käshändlerei ist folgendes zu berichten: Am Donnerstag sind die Statuten, die nur ich zu verlesen und abzuschreiben imstande war, vor etwa 40 Männern beim l.öwenwirt vorgelesen worden. Die dabei gemachten Be­merkungen hab ich mir kurz notiert, ohne an der Ordnung etwas zu ändern. Die Gesellschaft hat dann durchaus ver­langt, daß ich gleich nach Bezau gehe und dem Ratz unsern Entwurf vorlege. Schnell und ohne mir ein Wort zu sagen, brachten sie die „Zehrung" zusammen, und nun Marsch nach Bezau, damit wir wissen, ob es Ernst gilt. Ich kam am Freitag noch früh genug in Bezau an, um die mißvergnügten Land­wehrler dort zu treffen. Ich ging zum Ratz, den ich bedeutend frischer und besser fand als vor 3 Wochen. Ich las ihm die Ordnung vor, und es wurde nur weniges bemerkt. Seine Ent­lohnung müßte vorher bestimmt werden. Unerträgliche Mit­glieder, deren Austritt von etwa 3/4 der Gesellschaft gewünscht wird, müßten nicht geduldet werden.

Das Geld wäre leicht aufzutreiben, zwanzig- bis dreißig­tausend Gulden könnte ich (Ratz) vorstrecken. Auch mit andern Bezauern (Meusburger, Jochum von Schröcken, Feur­stein, Vorsteher) hab ich geredet. Sie beschlossen, die Sache mit andern zu besprechen und mir ihre Beschlüsse mitzu­teilen. Der Vorsteher Feurstein (Lithograph) scheint einer der fortgeschrittensten Bezauer zu sein. Ihm gefiele unser Plan recht gut, wenn er ganz auf eigenen Füßen stände. Den Dr. Greber hab ich nun auch kennen gelernt, nachdem ich sein Bild in den Sonderlingen mit der Hand des weisen Sehers zeichnete. Herrgott! - Doch nein!

Zuletzt hat er mir gesagt: er sei gekommen, um mich zu ärgern dafür, daß ich vor seinem Hause in Reuthe noch immer vorbei gegangen sei. Keiner habe mehr für mich getan als - er, überall habe man mich sorgfältig beobachten lassen, was viele Briefe im Bregenzer Museum beweisen würden. Ich sollte nicht unter den Bauern verkommen, sondern mich an Höheres anschließen. Die Ereignisse des letzten Winters sprächen gegen mich, den Lawinenaufsatz hab er in die Feld­kircherin geschrieben und mir zuschicken lassen, um mir zu zeigen, wo mein Feld wäre. Aber alles nütze nichts. Ver­gebens werde ich von Freunden, die ich in meinem Bauern­stolz verachte, gewarnt, geleitet u.s.w. Drum hab er mir doch noch zeigen müssen, daß ich eigentlich nur das Franzmicheli sei u.s.w. u.dgl. u.s.f.

Ich hielt den Mann für besoffen. Die andern und die Gams­wirtin sagten: Er habe freilich zu viel, doch sei er immer so. Am Sonntag hab ich da und dort von meiner Unterredung mit dem Rätzle erzählt. Nun haben mich auch die Unterdörfler, der Vorsteher voran, ersucht, heute beim Kronenwirt einen Vortrag zu halten und die Statuten vorzulesen. Das Resultat werd ich Dir morgen mitteilen. Auch hier hat sich die Stim­mung zu meinem Vorteil geändert, worüber sich der Pfarrer fast nicht genug ärgern kann.

6. Juni 66

Die Stube beim Kronenwirt war voll, man redete und bereute da und dort, so lange dagegen gewesen zu sein: sonst, meinte man, würde schon heuer etwas zustande gekommen sein. Ordentlich hat sich der alte Vorsteher gehalten. Er bedauerte nur, daß die Gesellschaftsvertretung zu wenig interessiert sein würde. Er wäre für Aufbringung eines Betriebskapitals durch Sparen oder es sollten Kapitalisten sich nach meinem Plan zusammentun. Der hiesige Rößlewirt (Niederauerle) war nur zum Stören [da], denn einen Gegner mag ich ihn nicht nen­nen. Ob er wohl von seinem Vetter (Galli) in Schnepfau Auftrag hatte? Sogar die, die nicht auf meiner Seite waren, haben sich über ihn geärgert. Der Pfarrer sowie sämtliche Gemeinde­ausschüsse waren da und sprachen sich aus, jeder auf seine Art, und im Ganzen bin ich zufrieden. Sonst weiß ich nichts Neues, wenn ich auch noch länger Zeit zum Schreiben hätte. Übermorgen geht's nach Hopfreben. Antworte bald Deinem Freund

Franz M. Felder

[Zusatz von K. Moosbrugger:]

Von dem nach der jährlichen Rechnung jedem Mitglied ge­bührenden Reinbetreffnis werden 2 Prozent für den Gesell­schaftsfonds zurückbehalten und von der Gesellschaftsvertre­tung fruchtbringend gemacht. Dieser Fonds bildet keinen Teil des Betriebskapitals, obwohl ihm Vorschüsse zum Betrieb entnommen werden können, sondern dient dazu, für jedes Mitglied unmerklich ein Kapital zu schaffen. Jedem Mitglied steht [es] frei, die rückbehaltene Gesamtquote samt 5 Prozent Zins nach je 10 Jahren der Mitgliedschaft oder im Fall offen­barer Not zu fordern. Im Fall des Austrittes hat die General­versammlung zu entscheiden, ob diese Quote dem Austreten­den zu erfolgen oder aber ganz oder teilweise für den Nach­teil, der durch den Austritt der Gesellschaft erwächst, zu Gun­sten des Gesellschaftsfonds verfallen sei. Das betreffende Mit­glied hat sich einem solchen Beschluß zu fügen, da überhaupt ein Beschluß der Generalversammlung für jedes Mitglied bindend ist. -