FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
163
22. Dezember 1865

Geliebter Freund!

Ich habe heute zwei Briefe von Dir zu beantworten Du wirst wenigstens mich entschuldigen, wenn die Antwort auf den ersten etwas kurz wird, und sie wird leider kurz sein, denn von dem Echo des Landtags gibt's weniger als gar nichts zu berichten.

„Elende Schoppernauer Philister!" Gelt? Aber halt! Als ich die Berichte bestellte, ich tat das, weil ich früher in Hopfreben war, sagte mir der Bote, daß das von hier bis nach Bezau die einzige Bestellung dieser Art sei. Wir Schoppernauer sind also nicht erbärmlicher als andere, aber immerhin erbärmlich genug. Ich werde nun versuchen, Dir einige Teufeleien, die mit Gewalt fort wollen, mitzuteilen, das andere, die volle Tasche, hoffe ich bald ausleeren zu können.

Von der Kathrinentagsgeschichte beim Rößlewirt wirst Du in der Feldkircherin gelesen haben. Es war für die, die von der Sache wußten, ein eigentümlicher Anblick, den Herrn Frühmesser widerrufend und erklärend herumlaufen zu se­hen. - Unser Pfarrer scheint nun auch Dummheiten machen zu wollen. Aber - aber. -

Ich habe Dich früher einmal versichert, daß er „auf der Höhe" sei; und prophezeite, daß es nun schnell abwärts gehen werde. „Und siehe, es geschah!" Es hat für einen, der die Ge­dankenmaschinerie seiner Landsleute kennt, auch nicht be­sonders viel Licht gebraucht, um das zu merken. Unser Rüscherle wollte, wie es am letzten Sonntag in einer Predigt, die ich an seinem Platz um alles nicht gehalten hätte - in­direkt aussprach, die Gemeinde in den Sack bekommen! Doch genug, die Predigt ist eine Verteidigungsrede, die ich Dir ganz erzählen muß. Für jetzt nur so viel.

Die schönen Tage von Aranjuez sind nun zu Ende. Qui, pro quo?

Auf Anraten (?) der Hochw. Kapuziner und des Dekans hat Hr. Rüscher in der [Gemeinde den] löblichen und frommen 3. (Klatsch- und) Betorden St. Franz Serafikus eingeführt. Um Dir den Zweck dieses Ordens in Kürze klar zu machen, schreibe ich eine Stelle aus der erwähnten Predigt, in welcher er „den frommen Schwestern zuliebe etwas sagte, was er gern nicht gesagt hätte", wörtlich her:

„Einmal von den Hw. H. Kapuzinern beauftragt, wollte ich Euch zulieb die Sache übernehmen:

1.            weil ich mich sonst eben auch in ein schiefes Licht gestellt hätte da draußen.

2.            Weil  es  mir so  unlieb wäre  als  Euch,  herzliebe  Pfarr­kinder, wenn man da draußen die Gemeinde im Sack hau und beherrschen tat."

Nicht wahr, jetzt hast Du einen Vorgeschmack des Ganzen, aber schwerlich eine Ahnung, was das auf die Schoppernauer­haftigkeit für eine Wirkung tat. Ich muß hier unwillkürlich an den Geist denken, der Böses will und Gutes schafft.

Die Opposition ist erwacht und gleicht einer Lawine, die nicht nur das Gebüsch, sondern auch den Grund mitreißt. Fast alles will seine Gedanken über folgende Stelle der Predigt aus­sprechen :

„In der Gesinnung muß ich als Priester natürlich dafür sein, in der Tat aber wäre ich dagegen"??!

Das war ein Schuß, davon wird man noch reden in den spätsten Zeiten.

Schillers Wilh. Teil.

Ursache und Wirkung sind für unsereinen sehr interessant. Mit Deinem letzten Briefe hab ich auch einen von meinem Freunde J. J. Felder, Uhrenmacher, erhalten (meinem Klaus­melker). Er befindet sich in Criactsov [?], so bring ich wenig­stens heraus. Das Heimweh klingt aus seiner Verbitterung heraus und ich sehe von neuem, daß ich ihn richtig gezeichnet habe. Ein braver Bauernknecht wird er just nicht, aber er kann ein Bauernknecht werden.

Direktor von Scholl in Stuttgart hat endlich geschrieben. Er hat sich meinetwegen an Wolfgang Menzel gewendet und ihm den Nümmamüller vorgelegt. Menzel sagt: Mein Lebens­bild möge als solches ganz gut sein, doch glaube er kaum, daß damit (und mit ähnlichem) ein größeres Publikum zu gewinnen wäre. Es fehlen und werden vermißt: Eigentümlich­keit, Naturschilderung, treffende Bemerkungen über Glauben und Aberglauben u.s.w. Sollte ich aber auch diesen Forde­rungen nachkommen (nicht wörtlich), so werde man sich für mich verwenden, fügt Hr. v. Scholl aufmunternd bei. Nun die Naturschilderung nimmt auch in den Sonderlingen gerade nicht viel Platz ein, sonst könnte man es mit diesen versuchen, wenn man wollte. Ich möchte aber nach Norden. Ich hätte Lust, an Prof. Hildebrand zu schreiben. Doch wir werden darüber reden, denn ich hoffe doch, wir werden nicht nur zueinander, sondern auch miteinander nach Warth oder zurück gehen. Du könntest es mir vielleicht sonst kaum glauben, daß ich denn so mit der Zeit schon wieder einen Götte werde haben müssen.

Gestern sind die Eurigen von Krumbach heimgezogen. Mit dem Milchhandel ist's ein wahres Elend. Im Herbst hab ich einen  Brief oder doch ein Stück Brief von einem  Käs­händler in die Hände gebracht und bin dadurch auf eigene Gedanken gekommen, die ich samt Anhang gern in einem nur für den Wald berechneten Schriftchen veröffentlichen möchte. Glaubst Du nicht auch, unsere Kühe werden künftig ins Allgäu wandern? (Italien, Norddeutschland.) Ich rede mich oft heiser für unsern Plan, auch die Oberhauser reden sehr verständig mit, und ich glaube nicht ohne Erfolg. Es scheint mit dem Rätzle rückwärts zu gehen, aber die Nuhle [?], deren sich auch ihre Brüder annehmen. Heut hab ich im Sinn, wenn es sich schickt, auch mit dem Knechtle zu reden. In der Gschwinder-Angelegenheit danke ich Dir für Mit­teilung und Rat. Ich werde nichts zu widerrufen haben, da ich ihnen die Köpfe nicht warm machte. Ich gab ihnen vor den Feldern Recht und dabei bleibe ich! Wenn ich mich ver­bindlich mache, Dir einen Stadel zu decken, und Du bauest ein Haus, was geschieht dann? Freund, so handelten wir nicht. Daß es mir auch darum zu tun ist, das Abholzen des Buch­walds zu hintertreiben, wirst Du wissen. Und ich bin auch ein Wälder und kann rechnen. Wenn schon nicht gar so gut als Koarado Bub, der mit seinen Schwägern immer noch nicht im reinen ist. Dem Pfarrer ist [es] bei dem Streit auch nicht nach Wunsch gegangen, doch davon wie auch von vielem anderen in 14 Tagen.

Schicke mir die Hefte gelegentlich einmal herunter. Jetzt  lese  ich  den  „berühmten"  Roman  Schwarzgelb.  Der Hintergrund ist dick gezeichnet, aber gut, schade daß von der Handlung gilt, was ich einmal über Drahtfiguren gesagt habe. Die Sonderlinge werden sich mit Beginn des neuen Jahres mit verbissenem Grimm gegenüberstehen und einander Pos­sen spielen wollend, es sich selbst tun, wodurch sie dann den im elften Kapitel erfolgenden Schluß herbeiführen, aber leider ist alles nur Entwurf und ich werde noch lange zu kratzen haben, bis genug schönes blaues Postpapier verdeckt ist. Die Kronenwirtin ist eine Betschwester geworden. Wir alle wünschen Euch allen von Herzen Glück zum neuen Jahr.  Lebe wohl  und besuche bald  Deinen treuen  Freund

Franz M. Felder