FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
530
7. Mai 1868

Lieber Freund!

Gestern abends vor einem Jahr kam ich mit dem Wible als Flüchtling in Bludenz an. Damals war der Frühling hier bereits eingezogen, jetzt liegt unser Feld noch fast ganz unterm Schnee. Sonst aber hat sich hier seit damals vielerlei gebessert. Ich kann die Rüscheriade als abgeschlossen betrachten. Der Mann kommt in seiner Wut so weit, daß er sich sogar vor der Menge nur noch lächerlich macht. Die Sympathien seiner Berufsgenossen sind verloren, ja es scheint, daß er versetzt werden soll. Seine Köchin mußte schon von amtswegen fort, worüber hier der Jubel noch nicht ganz verhallt ist. Ich bin wegen meinem Tagespost-Artikel vorgeladen worden, und Rüscher kann aus den Angaben, die ich zu meiner Verteidi­gung machte, noch eine böse Suppe erwachsen. Der Pfarrer von Bizau ist durch seinen Tod einer Untersuchung ent­ronnen, die ohne mein Wissen sogleich eingeleitet wurde.

Mit dem allem wären wir also - hoffentlich für immer - fertig. Auch ,Reich und Arm' ist endlich vollendet. Ich bin mit dem Ganzen nach einer Durchsicht recht zufrieden. Die Ultra­montanen sind leider auch mehrfach mitgenommen. 1. Ihr Einfluß auf den „letzten Willen", der die erste Verwirrung des Romans schafft. 2. Ihre Abhängigkeit von Brixen und unwissenden Kapuzinern (zeigt sich in der Erzählung). 3. Ihr Bestreben, durch die Betschwestern öffentliche Meinung zu ihrem Vorteil zu machen. 4. Ihre Abhängigkeit von diesen ihren Werkzeugen, die sie sogar im Beichtstuhl falsch leitet.

Besondere Vorsicht erforderte die künstlerische Behandlung des letzten Punktes. Der Kaplan, in dem sich das alles spiegelt, steht unter einem tüchtigen Pfarrer, der „in Konstanz studiert" haben will. Auch der Kaplan kommt zur Einsicht und trägt schließlich zur Lösung des Ganzen bei. Das ist die Rolle, welche so nebenbei den Brixnern in meiner Erzählung ange­wiesen wird. Ich hoffe, daß das Ganze Dich befriedigen wird. Es ist zart gehalten und vermeidet alle Reflexion, um desto mehr auch in den Kreisen zu wirken, die der Hauptfrage aus dem Wege gehen.

Die Arbeit ging bereits nach Leipzig ab. Sie kommt dorthin für mich zu guter Stunde. Letzte Woche ward mir gemeldet, und zwar von Alkmar aus, daß eben eine Übersetzung meiner Sonderlinge ins Holländische im Erscheinen ist. Der Über­setzer spricht sich sehr günstig über das Ganze aus, hofft bedeutenden Erfolg und wünscht mein Bild, um es nachge­stochen dem Buche noch beigeben zu können. Dieser Um­stand, wenn auch materiell nicht einträglich, wird mir und meinem neuen Werke trefflich zustatten kommen.

Andres hoff ich bald mündlich mit Dir besprechen zu können. Am Montag geh ich vermutlich nach Lech, wo Pfefferkorns Xaver mit Schlossers Rosa von Au Hochzeit hält und ich als Abdanker dringend gebeten bin. Kannst Du noch keine Zu­sammenkunft ansagen, so schreibe bald, was Ihr macht. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

F. M. Felder