FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
142
7. März 1865

Teuerster Freund!

Wie Du weißt, habe ich mich längere Zeit mit Sammeln von Bregenzerwälder Sprichwörtern und Redensarten beschäftigt, und wird Dir daher hoffentlich nicht auffallen, wenn ich zu behaupten wage, daß ich auch die verlogenste Wälder-Re­densart kenne. Sie lautet: „Ich bin satt, und wer satt ist, der ist selig!"-???

Mein Wunsch wäre, zu hungern und - zu essen, und ich stimme ganz mit dem überein, was Lessing über das Suchen, Finden und Besitzen der Wahrheit sagt. In der letzten Zeit war ich wohl auch satt, von Seligkeit aber war gerade gar keine Rede. „Nun da hast Du's!", wirst Du sagen, „habe ich Dich nicht vor Übersättigung gewarnt?" Ja, das hast Du, aber - warne Du einen vor schlechten Hosen, wenn er keine bessern hat, und siehe zu, was das nützt! Ich mußte lesen, denn ich wollte viel lernen und - viel vergessen. In Schop­pernau war mir alles - Knödel (ich als Liebhaber der Würste sage absichtlich so), der Pfarrer mit seinen Köchinnen war mir so gleichgültig als alles andere, und so lebte ich zwischen und in meinen Büchern, bis es mir schwindelte und zu kalt wurde. Nun legte ich mich, der Schwäche nachgebend, zu Bette und „sahe" zu, wie Herr Walser über meinen „sehr bedenklichen Zustand" täglich den Kopf schüttelte. Zuerst sollte ich die Gelbsucht haben, dann stellte man mir die Bauchfellentzün­dung in Aussicht, dann wieder sprach Waiser von einer leich­ten Darmentzündung, von - Rheumatismus u. dgl. Tatsache ist, daß ich während meines offenbar unaussprechlichen Zu­standes immer satt, aber nie selig war, jetzt ändert sich's und ich werde allmählich wieder der Alte werden. Also genug von mir! Du wirst meinen Zustand von der Krankheit Dir wohl selbst erklären können. Ohne Anregung, ohne Freunde, die mich verstanden, lebte ich und konnte monatelang nur mit Bauern von Kühen oder mit dem empfindsamen Natter von Bauern reden; und wo ist wohl der Wurm, der immer Seide spinnt und keine Nahrung braucht? Ich meine zwar nicht, daß ich immer Lorbeerblätter haben müsse, aber ich möchte doch erkannt und verstanden werden, meine Freude und meine Ehre wäre es zuzuhören,

wenn kluge Männer sprechen,

das kann ich aber nur in Büchern und ich mag noch so müde sein, es bleibt mir nichts anderes! -Leouo Isabell soll also doch noch verkuppelt werden, und zwar an den Bruder ihres Schwagers, des Rößlewirts in Au. Also: Brosis Bathle wäre der Glückliche. Die Sache ist schon so ziemlich richtig und auf Ostern wird's losgehen, wenn nichts dazwischen kommt. Die gute Isabell! Ich bedaure sie. Dein Vetter Gruber Peters Josef ist mit einer Flasche in einer Schlägerei so arg getroffen worden, daß er das eine Auge verlor, auch das andere soll erst jetzt wieder die Tageshelle wahrnehmen.

Mein System von den Erstgeborenen wird durch den Großen, Franz Josef (Schandarmen), nicht umgestoßen, denn während seiner ersten Kindheit war er nur selten zu Hause, wo die Mutter krank. So war er auch eine Zeitlang bei Matisa z'Schenko, später kam er aufs Mesneramt zum Vater, wäh­rend seine Brüder ins Schwabenland gehen mußten. Den Sozialdemokrat erhalte ich jetzt regelmäßig. Er erscheint dreimal wöchentlich (Preis 1 Fl. Ö. W.), bisher las ich das Blatt sehr gern, weil es mir Erstauntem zeigte, wie mächtig eine Bewegung schon geworden, die die deutschen Blätter als „verstorben" bezeichnen. Wenn das Blatt nicht gemein würde, so hätte es eine große Zukunft!, dachte ich anfangs, weil mir die vielen Einsendungen von Arbeitern und z. B. das Schimpf­lied auf Schulze nicht recht gefallen wollten. Doch die Redakteure von Schweizer und von Hochstetten scheinen, wie sie sagen, wirklich eine Lassallesche Ader zu haben. Mich nimmt nur wunder, daß das Blatt bei uns noch nicht streng verboten wurde, daß es Bismarck bestehen läßt, ist natürlich. Sobald ich kann, werde ich Dir einige Nummern übersenden. Der deutsche Arbeiterverein zählt schon über 60.000 Mitglieder, davon sind uns am nächsten die in Glarus und Mainz. Das ist eine Macht, die am 22. Jänner auch das Abgeordnetenhaus kennenlernte. Wie möchten Lesner und Reichenheim gestaunt haben, unter Arbeitern solche Redner und solche Reden zu hören. Doch mag mir solche Bildung unter Arbeitern seltener vorgekommen sein als diesen Herren. Ein Literat - nicht jeder zwar - wäre in Arndts Lage verzweifelt wie Gutzkow, oder hätte einen Schnabel gemacht wie Her­mann Schmid in München, da er einmal eine Zurücksetzung erfahren mußte. Dieser Schmid, wie Du weißt, mein Liebling, hat in der Gartenlaube eine Erklärung abgegeben, warum er nichts schreibe, und diese Erklärung war weniger satirisch, aber bitterer, erbärmlicher als mein Brief, den ich in der Hitze über Vonbuns Kritik an Dich geschrieben habe. Vonbun hat einen hübschen Aufsatz über die Montafoner Krautschneider mit „kirschblütenweißem" Tragsack in der Gartenlaube samt einer Zeichnung veröffentlicht.

An meinen Sonderlingen habe ich wieder ein Kapitel ge­schrieben: Folgen des Alpsonntags. In diesem Kapitel ändert sich Lage und Stimmung aller wichtigeren Personen, und ich glaube, damit den ersten Band des Romans gehörig abge­schlossen und den zweiten vorbereitet zu haben, wie es von den Regeln der Kunst gefordert wird. Gern wollte ich noch einmal - Rizenöl einnehmen, wenn ich Dir dieses Kapitel vorlesen könnte, denn ich möchte gar zu gern hören, was Du zu Franzens Demokratentraum und zu Ähnlichem sagen wür­dest. Wenn ich einmal den ersten Band geordnet habe, wenn alles gehörig abgeschrieben ist, werde ich ihn Dir bringen, doch das könnte noch lange währen, jetzt bin ich noch zu schwach, um drei Stunden zu sitzen, die Stube verlasse ich gar nicht und nur mit Mühe vermag der Geist den miserablen Körper zu beherrschen. Eine Zeitlang dachte ich wirklich, wir werden uns nie mehr sehen. Wenn ich nur das Gado und die Stube verlassen könnte, bis das Wible in die Federn kommt, was wohl nicht mehr lange anstehen wird. - Der Fasching war in Schoppernau sehr lebendig, überall Stubata. Und wo zwei oder drei versammelt sind, da ist der Pfarrer mit seinen drei, sage drei Hauskreuzern, Weiber genannt, mitten unter ihnen, nebenbei betet er Rosenkränze und tirolerlet, daß es kracht. Der bischöfliche Hirtenbrief machte hier einen eigentümlichen, sicher nicht beabsichtigten Ein­druck: So hieß es, also erst jetzt wird es verboten, an keinen Gott zu glauben u. dgl., das Ding muß wohl nicht halb so scharf sein, als die Geistlichen lehren, das Verlesene weiß ja jedes Kind, und von der positiven Religion versteht niemand etwas, wir sind katholisch, nicht positiv, das sollte der Bischof wissen!!!

Der Schillerverein hat nun einen Süddeutschen, Otto Roquette, zum Sekretär gewählt, da Gutzkow verloren zu sein scheint. Hast Du auch gelesen, wie die Tiroler Stimmen über diesen Mann herfallen und seine Schriften tadeln und aus diesen seine Tat erklären. Der in der Allg. Zeitung so gelobte Proudhon wird im Sozialdemokrat Fo. 17 unter Bastiat ge­stellt; doch scheint der Artikel von einem offenen Gegner geschrieben.

Aber wie es Schnee macht, und Heukummer dazu. Auch Malis Buobo, wenn sie zum Heustock kommen,

sehen betrübt, wie er magert und schwindet.

Dabei fünf Fuß festen Schnee, so daß in Schoppernau heute und gestern fünf gesunde, ein Jahr alte Rehe, darunter zwei tragende Ziegen, mit leerer Hand hart hinter dem Dorf von einigen mit Wegmachen beschäftigten Buben gefangen wer­den konnten. Die Tiere sollen lebendig nach Bregenz gebracht werden.

Herr Stöckler wird nächstens von Rehmen nach Hirschegg als Pfarrer kommen. Die Rehmer fürchten schon, mit Pater Zeno beglückt zu werden. Sie sollen sich freuen, einen heiligen Wundertäter zu bekommen! Wundertäter? Fragst Du. Ja, man sagt's und ich glaub's, denn ich glaube an die Macht des Glaubens. Er soll Augustinnusso Thereso, die bei ihm Köchin war, als dieselbe schwer krank lag, etwa so angeredet haben: Glaube Du, stehe auf und ich will beten, daß du stark werdest zum Glauben und zum Aufstehen. Und siehe: Therese war stark und stand auf und war gesund und der Ruf hievon verbreitete sich im Land. Das ist 1865 in Bezau geschehen. Wenn man sich die Krankheit nicht gar zu gefährlich vorstellt und an die Macht des Glaubens denkt, so kann man's schon für möglich halten.

Natter, der Schneider, hat ordentlich Fastnacht gehalten, doch bin ich mit ihm zufrieden. - „Zufrieden?" Ja, der Mensch ist mir nicht ganz gleichgültig. Er hat sich wider meinen Willen an mich gehängt, ich fühlte oder glaubte zu fühlen, daß wir nie Freunde werden könnten, aber ich sah, wie ich Dir er­zählte, einen talentvollen Menschen, dem, wie Du bemerkt haben wirst, nur das Gehör fehlt, auf Abwegen, und ich sah auch, daß ich mehr Einfluß auf ihn hatte als der Pfarrer, der betrügerische Vormund und alles miteinander. Ich kann nicht sagen, daß mir das die Hoffartsader schwellte, aber ich wollte ihn auf andere Wege bringen und griff vielleicht tiefer ein, als recht war, und nun kann ich mit Goethes Zauberlehrling sagen:

Die ich rief, die Geister,Werd ich nimmer los!

Alles in Schoppernau würde mich für seine dummen Streiche verantwortlich machen wollen, doch für jetzt fürchte ich nichts. Du glaubst nicht, wie er so ganz an mir hängt, obwohl ich mir, wie gesagt, nie Mühe machte, ihn für mich zu gewinnen.

Hast Du schon eine Magd? Ich habe an ein Mädchen in Schoppernau gedacht, das Dir und Theresen sicher gefallen würde. Es ist nicht verwöhnt, hätte Lust, weibliche Hand­arbeiten zu lernen, und war auch im letzten Sommer an einem Dienst. Es könnte wieder zum Rößle von hier, aber ­die Mägde sind aus Gründen, worüber mein blaues Papier erröten würde, nicht gerne beim Rößlewirt und bei der Wirtin von Schoppernau. Du wirst wohl schon davon gehört haben. Ich lernte das Mädchen in der Schule kennen, wo es sehr fleißig und geschickt zu werden versprach. Es war eine der besten. Du kannst Theresen fragen, ob sie eine etwa 22jährige Gräsalperin möchte, aus der s. g. Hudolarverwandt­schaft, oder nicht; und ob ich sie bringen soll oder mit ihr reden oder keines von beiden. Zugleich lasse ich Theresen recht herzlich grüßen und das Wible ebenfalls. Wir beide sind neugierig, ob man dieses Jahr von einer Julia zu hören bekommen werde oder von einem Augustus. Wie geht's in der Gans? Wird noch immer politisiert? Hier werden 20 Zeitschriften gelesen. „Und doch die Tirolerstim­men nicht!", rief der Pfarrer schmerzlich, als ich ihm das mitteilte. Er war einmal bei mir, beguckte meine Bücher, tadelte - Wielanden und die Gartenlaube, nicht weil er selbst geprüft, sondern im frommen Glauben an die lauten Tiroler Stimmen. Er selbst besitzt, wie ich mich zu überzeugen die Ehre hatte, nichts als Predigerkrücken und einen unaufge­schnittenen Band Tiroler Gedichte. Nun, wer solche Neben­vergnügen hat und sucht wie Herr Rüscher, dem fehlt es an Geld und Zeit zu Büchern. Bücherwürmer sind ganz andere Wesen als er, das bringt man ohne Mühe heraus. Doch da kommt der Bote. Lebe wohl, Dein Freund

F. M. Felder.