FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
672
17. Februar 1869

Lieber Freund!

Also, nun hättest Du mich als Vater ereilt, mögest Du auch glücklich weiter kommen. Ich wünsche Dir und Deinen Kin­dern, was ich so dachte und träumte, wenn ich Viertelstunden lang in der Wochenstube weilte. Freue Dich Deines häuslichen Glückes, aber vergiß auch nicht zu sehr der Vereinsamten, denen es alles war und die es nun entbehren müssen. Mir tut der Anblick meiner Kinder noch immer weh, und ich hab unter ihnen schon manche Träne geweint. Nur äußerste Anstrengung meiner Geisteskräfte muß mir Erholung sein, und wenn ich dann abgespannt werde, daß mir die Nerven sind wie Glas und die Gebeine wie Scherben, so gehe ich nach Bezau, wo ich überall gut aufgenommen bin. Dort kann ich recht heiter werden, aber das Gleichgewicht findet mein Inneres nur am Schreibtisch. Auch nach Au komme ich viel, aber nur, um mich zu zerstreuen.

Kurz, ich weiß nur von federfuchsenden Taten zu berichten. Meine Selbstbiographie langt bald bis zu meiner Vereh­lichung, womit ich dann den ersten Band und vorläufig das Ganze abschließe. Meinem Wible ist darin ein Denkmal gesetzt, wie es noch selten einer Wälderin wurde. Ob ich die Arbeit sofort veröffentliche, weiß ich noch nicht. Ins Reine geschrieben wird sie von einem Schreiber, für welchen Feur­stein sorgt. Im nächsten Monat wirst Du die Arbeit erhalten. Ich habe bei derselben meine besten Kräfte allmählich wieder gefunden. Wenn man bangt, noch einen Schritt vorwärts zu gehen, ist's Wohltat und Kräftigung, die zurückgelegte Strecke zu übersehen. Ich fand manche Rose wieder, und ein frischer duftiger Hauch wehte mich an. Ein aufmerksamer Leser meiner Arbeit freilich dürfte auch ahnen, wie manche Träne dabei floß, aber schon meine Sonderlinge beweisen, daß nicht alles herb wird, was ich mit meinem Herzblut schreibe. Ich vermag mich gestaltend von allem Quälenden zu befreien, und eben darum kann ich dann dabei wieder hell aufjubeln. Freilich laß ich mich oft zu frei gehen. Vielleicht wirst Du das nur zu oft finden, aber streichen kann ich immer noch.

Die holländische Übersetzung der Sonderlinge ist da. Sie ist mit Fleiß und Liebe gemacht, auch recht schön ausgestattet. Ich kann's ziemlich leicht lesen, und es tut mir wohl, meine Gedanken in diesem Kleide zu sehen.

Von Wien hab ich gute Nachrichten, doch nichts Bestimmtes. Bergmann schrieb mir, daß ein namhafter Betrag für mich bestimmt wird, jedoch erst in 6 Wochen Bestimmtes zu er­fahren sei. Von anderer Seite höre ich, daß meine Schriften in Wien immer mehr gelesen werden. Grillparzer und Halm sollen sich sehr dafür und für mich interessieren. Ich bin darum freilich nicht mehr und nicht minder, aber einem armen Teufel darf man auch die Freude am Erfolg, z. B. an einem Brief des Ministerialrats, nicht verübeln. Du siehst mich immer tätig, die Musen sind mir treu. Ich lerne meine Beschäftigung jetzt aufs neue lieben. „Die Welt in mir und ich in der Welt." Das hilft über viel hinaus, und man braucht sich nicht jeden Abend vor dem Schlafen behag­lich in eine fertige Rechnung für die Zukunft einzuwickeln, wie ich von früher her es nur zu sehr gewohnt bin. Ich habe Verlieren gelernt. Man besitzt manches, was man nicht hat, und kann etwas erst recht haben, wenn es verloren scheint. An meiner Nanni war mir das menschlich Beste wert vor allem, aber das geht nie verloren. Ich habe viel verarbeiten müssen, kein Mensch ahnt wie viel, und ganz allein, denn andere leben in andern Gedankenkreisen. Ich stehe äußerlich allein, aber ich bin in der Welt und habe die Welt in mir, in mir hab ich sie mit blutsaurer Arbeit überwinden gelernt, und seitdem ist sie mir erst lieb.

Was ich nun anfange, weiß ich nicht, und es ist mir ordentlich wohl, es nicht zu wissen. So hat man jeden Augenblick ganz, im andern Falle nur als Teil eines auszuführenden Gedankens. Von Feurstein erhalte ich die Zukunft von Jakobi zugeschickt, die sehr interessant sein kann. Sie hat auch mit der Arbeiter­frage zu tun, und zwar nicht im Sinne Schulzes. Abends liest mir Mariann irgend etwas Schönes vor. Sie liest gern und ihr Vortrag gewinnt nach und nach einiges Leben. Daß das Mötele durch mich in Schaden kommt, glaub ich kaum. Es fordert 1 Fl. 12 Kr. Silber Wochenlohn. Ich zahle ohne Wider­rede, weil ich das Mädchen behalten und nicht mit kleinlichen Nörgeleien plagen möchte. Ich glaube aber, daß man auch mich gehen lassen sollte. Ich bitte Dich aber, einstweilen keinen Schritt für mich zu tun, bis ich mit Dir gesprochen habe. Das müßige Geschwätz macht uns beide zum Paar, vielleicht wirkt das. Ich will wenigstens jetzt noch dem allein alles zuschreiben, was ich sonst recht gemein finden würde.

Ich hätte überhaupt manches mit Dir zu reden und komme vielleicht einmal ein Sprüngle hinauf. Wann? weiß ich noch nicht. Vielleicht unvermutet, aber jedenfalls nicht, bevor Du die Biographie gelesen hast. Grüße mir die Deinen, Gaßner, Bickel und alle, die sich um mich kümmern. Sag ihnen dabei, was Du willst über mein Befinden.

Sei so gut, mir einmal die Zürcher Zeitung und Hildebrands Brief zu schicken; es hat aber nicht so Eile wie mit einer Antwort, die ich erbitten möchte.

Mit Gruß und Handschlag

Dein Freund

F. M. Felder

Keine