FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
467
24. Januar 1868

Lieber Freund!

Ich setze natürlich voraus, daß Du aus meinem vorgestrigen Schreiben meine Auffassung der Lage und Deines letzten Briefes ersehen hast. Ich bat Dich, so wie ich's nach Deinem Schreiben nach konnte, um Hilfe, dachte jedoch nicht daran, selbst die Hand in den Schoß zu legen. Mit kaltem Blut, wenn auch empört, schrieb ich den beiliegenden Artikel für die österreichische Gartenlaube an Dich zur Durchsicht, obwohl ich nicht glaube, daß viel daran zu streichen ist. Er paßt als Fortsetzung des früheren aus Vorarlberg, und es dürfte dem Literaten keine Schande machen, daß er dort einzelne un­schöne Auswüchse wegschnitt und hier einpaßte [?], um jedem Artikel in sich einen einheitlichen Ton zu geben. Den gegenwärtigen Stand der Dinge kannst Du aus Beilie­gendem ersehen. Für die Feldkircher Z. und andere Blätter werde ich mir das Nachdrucksrecht mit Angabe der Quelle vorbehalten. Ich sorge nur, daß die Veröffentlichung in einem Wochenblatt so langsam geht, aber mir steht in Österreich kaum ein anderes bedeutendes zur Verfügung. Die Garten­laube aber wird gern damit einiges Aufsehen machen. Ich bitte Dich daher, ihn schnell aber sorgfältig durchzusehen, unpassend Scheinendes zu streichen oder zu verbessern und dann sofort das Ganze samt dem beiliegenden Brief an die Redaktion der österreichischen Gartenlaube in Graz zu sen­den. Solltest Du den Artikel zur Veröffentlichung aber nicht geeignet finden, so schreibe mir sogleich warum. Sendest Du ihn aber aus guten Gründen an ein anderes Blatt, so schreibe auch den Begleitbrief und dinge mir vor allem zehn Exem­plare aus. Der Artikel ist die Arbeit einer einzigen schlaflosen Nacht, aber ich glaube, er ist klar und wahr. Hunderte hier müssen fast jedes Wort bestätigen. Ich las die Arbeit nur dem Oberhauser vor, der war mit allem einverstanden und freute sich des Erfolges. Jetzt ist hier alles kampfeslustig und eher als ein Zurücktreten ist eine Ausartung dieser Stimmung zu fürchten. Es war am Montag noch viel geredet, dessen ich nicht erwähnte. Ich glaube, das Ganze müsse schon so die erwünschte Wirkung tun. Kleinliche Nörgeleien mag ich nicht mehr, seit die letztsonntägliche Predigt dem Faß den Boden ausschlug. Auch Du bist hoffentlich einverstanden, daß nun Schweigen nicht mehr Gold [wäre]. Am Wahltag erwarten viele große Schlägerei, es scheint, daß die Rüscherschen ver­lieren dürften. Gewiß wäre ein Wutausbruch, wenn dann etwas Veranlassung zu Streit geben sollte. Nun wir werden sehen, es kann auch besser gehen, weil so viele sorgen und sich in Acht nehmen werden. Der Schneider befindet sich angeblich etwas besser.

Schreibe bald und ob Du meine Auffassung noch nicht teilst. Du bist ein Diplomat, Du willst Erfolge nach oben, ich nach unten, drum gehe ich vielleicht in einigem mehr mit der Zeit als Du. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

Franz M. Felder

[Hier folgt nun der dem Briefwechsel beigelegte und im vorstehenden Brief erwähnte Artikel Felders „Aus Vorarlberg" für die Gartenlaube. Leider ist nur das erste Blatt des Briefes noch vorhanden mit einer Anmerkung K. Moosbruggers.]

Aus Vorarlberg.

Ernst, ja unfreundlich blicken die schneebehangenen Berge herunter in die stillen engen Täler, die sie trennen. Früh und recht ungeschickt hat der Winter dem Herbst ins Handwerk gegriffen, und was unsere Bergtannen von seiner Last noch abzuschütteln vermochten, stürzte, zu Lawinen wachsend, in die engen Täler, die schlechten Wege zerstörend, abreißend wie schwache Fäden, die einsame, zwischen Bergen ver­steckte Dörfer mit der „Welt" zu verbinden suchten.

Wie ein Eroberer zieht der Winter hier ein, aber obwohl er ein Gegner des Partikularismus zu sein scheint, so wird dieser doch gerade durch ihn, wenn vielleicht auch wider Wissen und Willen, in der Stubenwärme groß gezogen. Die Winterszeit ist für den Bauern die Zeit der Hochzeiten und Feste. Diesem Umstand haben wir vielleicht das Fort­bestehen manches uralten Hochzeitsbrauchs zu verdanken.

Aus den verschneiten- - -

[Hier endet das erste Blatt. Auf der Randspalte hat Felder noch folgenden Beisatz angefügt:]

Und nicht nur in den engen Tälern, wo der Bauer, umgeben von der Sorgfalt der Seinigen, sich bis zum Frühjahr ganz in die Rolle seines seligen Großvaters hineinlebt, gewinnt man wieder das Bewußtsein einer Eigenart, eines ganz besonderen

Verzugs-- -[weiteres fehlt!]

[Hier folgt K. Moosbruggers Rohvermerk an die Redaktion:] Verehrte Redaktion.

Ich habe den beiliegenden Aufsatz meines Schwagers, der selben mir zur Durchsicht geschickt hat, gelesen, bin voll­kommen mit demselben einverstanden und wünsche, wie Felder, daß er baldigst gedruckt und veröffentlicht werde. Die geehrte Redaktion übt in Wahrheit Humanität, wenn sie sich eifrig der Sache annimmt. Die erzählten Tatsachen können vollkommen erwiesen werden, und ich stehe mit Felder für die Wahrheit derselben ein.

Hochachtungsvoll K. Moosbrugger