FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
451
1. Januar 1868

Lieber Freund!

Deinen etwas lange reisenden Brief hab ich erhalten und die Beilage sofort an den Schneider geschickt. Morgen will ich sehen, welche Wirkung er tat. Er soll sich, wie mir heute der Knecht sagt, etwas besser befinden. Hoffen wir das Beste, ich werde nächstens wieder schreiben. Heute schicke ich Dir einen für die Grazer Gartenlaube geschriebenen Artikel, über den ich mir Dein Urteil erbitten möchte. Besonders, ob Du das oder jenes gestrichen wünschtest. Sende ihn bald hieher zurück. Ich glaubte, wieder einmal aufräumen zu sollen, da alle Tage frische Zufuhr kommt. In Bezau haben die s. g. Protestanten gegen den Wahlvorgang verloren und wurde Gebhard Greber, Kanzlist, Vorsteher, was die Kapuziner jubelnd mit der Bemerkung erzählen, daß nun doch ihr Seyffertitz hinab sei. Tatsache ist, daß Feurstein schon im Sommer sagte: Er werde sich mit ganzer Kraft dem Verein widmen. Vorsteher sei er nicht mehr, wenn er das über­nehme.

Auch der Protest des Jos. Ant. Simma, Wirt in Schwarzen­berg, wurde abgewiesen. Der hat also seine Artikel für unser Amtsblatt umsonst geschrieben, und wir hier können froh der noch nicht herafogelangten Entscheidung entgegensehen. ­Daß wir hier das Ergebnis des 21. Dezember gehörig feierten, kannst Du Dir denken, sonst aber sehe ich nicht besonders viel von den herrlichen Zuständen, welche Du hier vermuten willst.

Die letzte Post - eine tägliche haben wir einstweilen noch nicht - brachte mir auch ein Schreiben von Seyffertitz, das den Wunsch äußert, mit mir in nähere Beziehungen zu treten. Meine Antwort spricht meine Freude darüber aus, daß es endlich gelang, ein Loch ins Konkordat zu schießen. Mich hat der Brief nicht nur als Literat gefreut. Er scheint sich auch nicht in dieser Eigenschaft an mich zu wenden. Der Dichter Scheffel hat ihm meine Sonderlinge zugeschickt. Dafür dankt er, nennt das Werk ein liebes Buch und geht dann über auf seine Tätigkeit in Wien, die leider eine Krankheit unterbrach. „Tun auch Sie", schließt er, „das Ihrige in Ihrem Kreise. Es ist jetzt am Volk, sich das Errungene gegenüber den Pfarr­beamten zu erhalten, sonst ist die beste Verfassung eine Perle für die Säue, u.s.w."

Hildebrand ist seine Mutter gestorben. Der Schlag traf ihn schwer.

Die Eile, mit der ich schreibe, siehst Du meinen Zeilen an. Ein Artikel in der Neuen Fr. Presse (sicher von Keßler) spricht sich über die Arbeiter in Wien sehr ungünstig aus. Das erklärt wohl am besten, warum diese Leute mir nicht mehr schreiben und warum mich die Presse bei Besprechung der Gartenlaube in sehr befremdender Weise überging. Lebe wohl, mit Gruß und Handschlag Dein Freund

F. M. Felder