FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
372
1. Juli 1867

Auszug aus dem Protokoll

Die Anfeindungen, von denen ich hier zu berichten habe, begannen durch Pfarrer Rüscher von Schoppernau. Zuerst und hauptsächlich wirkte er durch seinen Freund Josef Anton Moosbrugger, dem ich verleumderische Behauptungen dutzendweise nachweisen könnte, und durch die Mitglieder des s. g. dritten Ordens, dem Pfarrer Rüscher vorsteht, „weil er", wie er vor zwei Jahren in einer Predigt zu seiner Entschuldi­gung sagte, „nicht will, daß das Kloster in Bezau mit dem (s. g. dritten) Orden die ganze Gemeinde in die Hände be­kommen soll". In Wirtshäusern und „so privatim" hat Rüscher länger gegen mich gearbeitet; offen aber trat er im Winter 1866 gegen mich in einer Kinderlehre auf. Ich hatte in der s. g. Sennhütte angefangen, Vorträge über Genossenschafts­wesen zu halten, nun redete er von den Sozialisten und Kom­munisten der französischen Revolution. Er sagte, das und die Schriftsteller seien die nämlichen gewesen, die dann die Kirchen ausgeraubt und ein schlechtes Weibsbild auf den Altar gestellt hätten als Gottheit, und wenn jetzt in Senn­häusern herum solche Irrlehrer wieder aufträten, so wisse man schon, was man von ihnen zu erwarten habe. Das zündete und es wurde durch Anspielungen auf Schrift­steller u.d.gl. dafür gesorgt, daß der Funke zur Flamme werde. Ernsthaft aber wurde die Hetzerei nach den dies­jährigen Landtagswahlen, die durch einige meiner Freunde entschieden wurden. Die Orte Au und Schoppernau kamen in den Ruf, daß es mir hier gelungen sei, die Leute vom wahren Glauben abzubringen. Auch wurde gesagt, daß ich für mein Wirken als zweiter Luther, Freimaurer u.d.gl. von den Freimaurern und ändern Agenten bezahlt werde. (Pfarrer Rüscher hat, wie ich in den letzten Tagen erfuhr, es mehrfach ausgesprochen, daß ich mein Geld nicht als Schriftsteller, son­dern eher auf diese Weise verdiene.)

Die Klarstellung erschien im Februar. Pfarrer Rüscher schrieb auf ein Exemplar meinen Namen und schickte es dem hiesigen Vorsteher und dem Ausschuß, während er und seine Werk­zeuge den nicht lesenden und nicht denkenden Leuten aus­einandersetzten, daß die Schrift von mir verfaßt und gegen den Glauben gerichtet sei. Gleichzeitig wurde in Au gegen eine wirklich von mir verfaßte Schrift gepredigt, nachdem es den Kapuzinern in Bezau gelang, den ersten Bogen zu entwenden. Pater Beda sagte über folgende in der Schrift vor­kommende Stelle: „Wie einer ist, so ist sein Gott" unter anderm: Einer ist ein Hurer, also ist Gott auch ein Hurer, ein anderer stiehlt, also ist Gott ein Dieb. Da seht ihr's! Ärger als dieser Schriftsteller kann man's nicht mehr machen. Die von mir im letzten Winter für die Gemeinde auf Kosten des Handwerkervereins und auf Rechnung von ändern Wohl­tätern errichtete Leihbibliothek wurde nie von einem Geist­lichen durchgesehen, trotzdem brachten einige dieser Herren das Gerücht auf, daß von mir Hurenbücher ausgeliehen würden. Als Kaplan Stern beim Buchbinder in Au ein Werk sah, welches eine Besprechung von Renans Leben Jesu ent­hielt, hieß es gleich, ich wolle den Renan unter das Volk bringen, und der Pfarrer von hier sah sich zu einer Predigt veranlaßt, die jedermann auf mich bezog und auf unsern Vorsteher, der mit mir die Neue Freie Presse und die Feld­kircher Zeitung liest

Den Herausgeber des letztern Blattes nannte Pfarrer Rüscher einen erstickten Studenten, den ein glaubensloser Brotvater aufgenommen habe. Von Schoppernau bis Bezau redete im Frühling alles von mir. Man nannte mich einen Ketzer, Frei­maurer, Gottesleugner, Antichrist - wie das Volk dieses Un­geheuer kennt - und es wurde besonders in Schnepfau öffentlich ausgemacht, es wäre ein gutes Werk, wenn man mich ins Wasser werfen oder so in der Stille auf die Seite schaffen könnte. Meine Freunde warnten mich, allein die Heimat nicht mehr zu verlassen. Der Vater des Pfarrers Rüscher besuchte seinen Sohn und ging dann aus dem Pfarr­hof in andere Häuser, um den Leuten zu sagen, sein Bub wisse wohl, daß nur ich an allem schuld sei und das ganze Dorf in Übeln Ruf bringe, doch man werde mir den Meister schon noch zeigen, wenigstens bei ihm daheim in Reuthe (bei Bezau) würde man jetzt mit so einem wie mir nicht viel Wesen machen, man tat mir das noch gesunde Auge auch ausstechen und mich dann erschlagen. Die Wirkung solcher Reden von Leuten aus dem Pfarrhof ist nicht zu beschreiben.

Niemand konnte ein beruhigendes Wort an die Leute richten, denn daß die Vernünftigem sich auf meine Seite stellen, galt nur für einen Beweis meiner teuflischen Verführungskunst. Am Kirchweihmarkt in Au am 5. Mai stellten sich ganze Häuf­lein unheimlich flüsternd und mit Fingern auf mich zeigend um mich her, einzelne suchten Streit mit mir anzufangen, und ich mußte mich vom Marktplatz entfernen. Der Versuch, unserm Pfarrer meine Unschuld zu beweisen und ihn zu einer beruhigenden Erklärung zu bewegen, mißlang; Pfarrer Rü­scher fuhr die beiden hiesigen Vorsteher (Albrecht und Alt­vorsteher Moosbrugger) wild an: Packen Sie sich hinaus, denn vor Zeugen werd ich kein Wort mit ihm reden. Trotz­dem blieb ich allein da, bewies ihm dies und jenes und ersuchte in schonendster Weise um die beruhigende Erklä­rung. Verächtlich antwortete er mir zornroten Gesichtes: „Lächerlich! wegen Euch tut man gar nichts." Die Aufregung wuchs von Tag zu Tag und ward völlig zur Wut über mich. In meiner Sennhütte wurde öffentlich be­dauert, daß man mir nicht schon vor Jahren einen Klotz an den Kopf warf, statt mich mit Lebensgefahr aus dem Wasser zu retten (1860). Ich fand nötig, mich zu entfernen und den Schutz der Gesetze von einem sichern Platz aus anzurufen, von hier aus hätte ich das nicht mehr gewagt, denn auch andere meinten, daß das sehr gefährlich wäre. Ich habe auf Ersuchen in Bludenz der Staatsanwaltschaft obige und noch viele Tatsachen mitgeteilt, die Zeugen genannt und meine Aussagen beeidigt (am 18. Mai [1867]). Einige Wochen später glaubte ich wieder zu den Meinen zurückzukehren, da meine Mittel mir keinen Knecht zur Bearbeitung meines Gütchens erlauben. Ich fand die Aufregung größer als vorher und denke mit schwerem Herzen daran, meine Güter zu ver­kaufen und mit den Meinen eine sicherere Stätte in Vorarl­berg oder mit Hilfe meiner Freunde in Deutschland aufzu­suchen, wenn mir weder das Gesetz noch sonst jemand helfen und die Geistlichen zu einer beruhigenden Erklärung verhalten sollte. Der Artikel in dem"Judenblatt" Neue Freie Presse war nur Öl ins Feuer. Pfarrer Rüscher predigte hernach: Recht und Tugend müsse jetzt unterliegen. Als Beweis diene das Schicksal des wackern Greises Rudigier (der wegen Ver­leumdung etc. in seinem Volksblatt abgestraft wurde). So werden Gesetz und Recht von den Kanzeln aus verhöhnt und mißliebige Personen dem Haß, der Wut und Verachtung einer fanatisierten Menge auf jede Weise preisgegeben.

Franz Michael Felder